Zweite Gotthardkonferenz in Bellinzona: Potential einer ge-meinsamen Gotthardstrategie bekräftigt

Bellinzona. Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier der vier Gotthardkantone haben an der zweiten Gotthardkonferenz am Freitag, 9. Oktober 2009, in Bellinzona bekräftigt, dass der Raum Gotthard mit einer gemeinsamen Strategie einen Landschafts- und Lebensraum erhalten soll, welcher der Bevölkerung, der Wirtschaft und den Gästen eine attraktive Zukunft bietet.
Um dieses Ziel zu erreichen, brauche es Entschlossenheit und Kreativität der beteiligten Regionen, aber auch den Willen, Hindernisse, die sich aus den regionalen Eigenheiten ergeben, auszuräumen und zu überwinden. Der Elan, der sich aus der Realisierung des Ferienresorts in Andermatt ergibt, soll auf eine nachhaltige Entwicklung der gesamten Region ausstrahlen. Angeregt wurde auch über die Idee der Ausstellung „Gottardo 2020“ zur Eröffnung des Gotthardbasistunnels diskutiert.

Das Progetto San Gottardo im Rahmen der neuen Regionalpolitik des Bundes (NRP), die Grundsteinlegung für das Ferienresort des ägyptischen Investors Samih Sawiris in Andermatt und nicht zuletzt der Vorschlag für die Ausstellung Gottardo 2020 haben Bewegung in den Raum Gotthard gebracht. Unter dem Vorsitz des Tessiner Grossrates Norman Gobbi versammelten sich Parlamentarierinnen und Parlamentarier, Gemeindevertreter und Gäste zur zweiten Gotthardkonferenz in Bellinzona. Im Namen des Kantons Tessin zeigte sich Grossratspräsident Riccardo Calastri in seiner Begrüssungsansprache im Teatro Sociale überzeugt, dass die kantonalen Grenzen über eine gemeinsame Strategie überwunden werden können, um das Potenzial des Gebietes von Bellinzona bis zum Vierwaldstättersee und von Brig bis Chur wertschöpfend zu nutzen.

Ehrgeiziges Projekt
Parlamentspräsident Calastri sah aber auch die Schwierigkeiten, denen das Progetto San Gottardo ausgesetzt ist. Er erwähnte dabei allfällige Sprachbarrieren, die natürliche landschaftliche Gestalt der vier Täler, institutionelle Voraussetzungen und eine noch zu verstärkende touristische Zusammenarbeit zwischen den benachbarten Regionen. „Das Progetto San Gottardo ist derzeit das grösste und ehrgeizigste Projekt seiner Art in der Schweiz“, sagte Riccardo Calastri. Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier als Vertreter des Volks hätten einen entsprechen Beitrag dazu zu leisten und müssten das Projekt unterstützen. Dieser Meinung schlossen sich auch die Parlamentspräsidenten Paul Jans (UR), Christian Rathgeb (GR) und Gilbert Loretan (VS) an einer „Table Ronde“ an. Der Tessiner Regierungspräsident Gabriele Gendotti wies in seiner Grussbotschaft darauf hin, dass der Bau der neuen Alpentransversale durch den Gotthard ein Paradigmawechsel bedeute. Man müsse nicht nur akzeptieren, dass sich die Realität verändert, sondern auch konstruktive Wege finden, um weiterhin in den betroffenen Regionen leben zu können. Seine Regierungskollegen Isidor Baumann (UR), Stefan Engler (GR) und Projektchef Werner Schnyder in Vertretung des Walliser Staatsrates unterstützen ihn dabei in einem Podiumsgespräch, bei dem insbesondere die politische Dimension der kantonsübergreifenden Regionalpolitik diskutiert wurde.

Herausforderung und Chance
Auch Jean-Daniel Mudry, Leiter des Progetto San Gottardo, verdeutlichte in seiner Standortbestimmung, dass sich das Umfeld des ganzen Gotthardraumes in einer grundlegenden Veränderung befindet. Einerseits seien in den letzten Jahren – unter anderem auch vom Bund – zahlreiche Arbeitsplätze abgebaut worden und andererseits müssten sich die Menschen mit dem Bau des Gotthard-Basistunnels auf eine neue Verkehrssituation einstellen und neue Ideen entwickeln, um die Anbindung an die grossen Zentren und die Touristenströme nicht zu verlieren. „Das Progetto San Gottardo ist deshalb eine grosse Herausforderung, weil traditionell gewachsene, regionale Strukturen mit Blick auf das Ganze überdacht und angepasst werden müssen. Es ist aber auch eine grosse Chance, um die damit entstehende Dynamik positiv zu nutzen und die notwendigen Massnahmen für eine erfolgreiche Zukunft des Gotthardraums gemeinsam zu realisieren, erklärte Mudry. Zudem zeigte er sich überzeugt, dass sich die Investitionen des Ägypters Samih Sawiris in sein Ferienresort in Andermatt tiefgreifend auswirken werden.

Attraktive Gotthardregion wichtig für Resort
Für Raymond Cron, Head European operations von Sawiris Orascom Development Holding AG, ist eine attraktive Gotthardregion aus Sicht des Resortprojektes „Andermatt Swiss Alps“ von grosser Wichtigkeit. An der Gotthardkonferenz versicherte er, dass „Andermatt Swiss Alps“ alle Bemühungen unterstütze, die zu einer Attraktivitätssteigerung der ganzen Region führten. „Die Gotthardregion und das Resort werden sich gegenseitig bereichern – ein typisches Beispiel einer win-win Situation“. Cron wies darauf hin, dass Realisierung des Resorts begonnen hat. Nachdem die Baubewilligungen für das Hotel Chedi Andermatt, den Golfplatz sowie das Infrastruktur-Podium erteilt wurden, konnte am 26. September mit dem ersten Spatenstich der Startschuss für die Bauarbeiten gegeben werden. Als erstes Projekt der Orascom Development in Europa habe das Andermatt-Projekt eine strategische Bedeutung. Daneben habe Orascom kürzlich den Start ihres zweiten Projektes in Europa bekannt geben: Dabei geht es um die Entwicklung eines Gebietes von rund 7 Mio. m2 in Cornwall im Südwesten Englands. „Ein drittes Projekt in Südosteuropa ist in der Pipeline“, sagte Cron.

„Gottardo 2020“: Grundstein für eine nachhaltige Entwicklung
Marco Solari, Präsident von Tessin Tourismus und Initiant des Projektes „Gottardo 2020“, informierte an der Gotthardkonferenz über das Ausstellungsprojekt zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels. Gottardo 2020 erweitere mit seinem innovativen Konzept die Reichweite einer traditionellen Landesausstellung. Ausschlaggebend seien nicht mehr die Landesgrenzen, sondern die territoriale Beschaffenheit und die sozioökonomischen Verhältnisse des gesamten Alpenkamms. „Gottardo 2020“ soll als Grundstein für eine nachhaltige Entwicklung des Berggebiets oberhalb der neuen Alpentransversale einen sozioökonomischen Nutzen bringen und die Identifikation mit dem Gotthard festigen. Der internationale Charakter von Gottardo 2020 hat laut Solari das Potential, die Verbindungen und Einflüsse des Gotthardmassivs in der geopolitischen Geschichte des europäischen Kontinents zu beleuchten und die Vernetzung und Zusammenarbeit der verschiedenen Alpenregionen konsequent und vor allem auch nachhaltig zu fördern.  Für die lokale Bevölkerung soll das Projekt Ausgangspunkt für die zukünftige Entwicklung der Gotthardregion darstelle. Der Tessiner Regierungspräsident Gabriele Gendotti wünschte sich seinerseits, dass "Gottardo 2020“ eine treibende Kraft für die Regionalpolitik sein wird. Das Ausstellungsprojekt sei nicht nur zurückblickend, sondern biete die Möglichkeit einer „futuristischen Kreation“ im Zeichen der wirtschaftlichen Zukunft des Alpenraums“, sagte Gendotti.

Die Gotthardkonferenzen finden auf die ursprüngliche Initiative des Büros des Urner Landrats jährlich im Herbst in einem der Gotthardkantone Uri, Tessin, Wallis oder Graubünden statt. Sie bildet eine Plattform für die Parlamentarierinnen und Parlamentarier sowie die Regional- und Gemeindepolitiker der vier Kantone, um sich über Entwicklung und die Projekte im Raum Gotthard zu informieren und allenfalls Ideen einzubringen. An der ersten Gotthardkonferenz wurde im letzten Jahr in Andermatt die Charta San Gottardo verabschiedet. Die dritte Gotthardkonferenz findet am 24. September 2010 unter dem Vorsitz des diesjährigen Walliser Grossratspräsidenten Gilbert Loretan in Brig statt.